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Über gewisse Aspekte der russischen Revolutionen
von 1905 und 1917

La Voix des Communistes,
Zentrale Zeitung des ROCML
(
Rassemblement organisé des communistes marxistes-léninistes)
Nr. 25, März 2019

Im Folgenden versuchen wir, einige Überlegungen zu den Aufgaben der marxistisch-leninistischen Kommunisten im aktuellen Kontext und im Zusammenhang mit den Mobilisierungen der “gelben Westen” zu formulieren, wobei wir die Erfahrung der Vorbereitungsperiode der russischen Revolution von Oktober 1917 erwähnen. Eine unentbehrliche Voraussetzung für jeden Hinweis auf Lenin ist es, den damaligen Kontext im Auge zu behalten. Lenin fasst 1902 den seit 1884 durchgemachten Werdegang wie folgt zusammen (es sei daran erinnert, dass der Begriff "Sozialdemokratie" damals mit "Marxismus" einherging)[[1]]:

Die Geschichte der russischen Sozialdemokratie zerfällt klar erkennbar in drei Perioden.

Die erste Periode umfaßt etwa zehn Jahre, ungefähr die Jahre 1884 bis 1894. Das war die Periode, in der die Theorie und das Programm der Sozialdemokratie entstanden und sich konsolidierten. Die Zahl der Anhänger der neuen Richtung in Rußland konnte an den Fingern abgezählt werden. Die Sozialdemokratie existierte ohne Arbeiterbewegung und machte als politische Partei den Prozeß ihrer embryonalen Entwicklung durch.

Die zweite Periode umfaßt drei bis vier Jahre, 1894 bis 1898. Die Sozialdemokratie tritt in Erscheinung als gesellschaftliche Bewegung, als Aufschwung der Volksmassen, als politische Partei. Das ist die Periode der Kindheit und des Knabenalters. Mit der Geschwindigkeit einer Epidemie verbreitet sich unter den Intellektuellen eine allgemeine Begeisterung für den Kampf gegen die Volkstümlerrichtung[[2]], ein allgemeiner Drang, zu den Arbeitern zu gehen, und unter den Arbeitern eine allgemeine Begeisterung für Streiks. Die Bewegung macht gewaltige Fortschritte.

Die dritte Periode wird, […] im Jahre 1897 vorbereitet und löst im Jahre 1898 (1898-?) die zweite Periode endgültig ab. Das ist die Periode der Zerfahrenheit, des Zerfalls, der Schwankungen. Im Knabenalter erfolgt beim Menschen der Stimmbruch. Auch die Stimme der russischen Sozialdemokratie dieser Periode begann zu brechen, falsch zu tönen […]. Aber nur die Führer zogen getrennt einher und gingen zurück: die Bewegung selbst wuchs weiter und machte gewaltige Fortschritte. […] Die Bewußtheit der Führer jedoch kapitulierte vor dem Ausmaß und der Kraft des spontanen Aufschwungs; unter den Sozialdemokraten war bereits eine andere Periode vorherrschend – die Periode der Funktionäre, die sich fast nur an der “ legalen”[[3]] marxistischen Literatur geschult hatten, diese aber genügte um so weniger, je mehr Bewußtheit die Spontaneität der Massen von ihnen erforderte. […] Der Sozialdemokratismus wurde […] zum Trade-Unionismus degradiert. […]

[…] ist für diese Periode charakteristisch […] gerade die Vereinigung von kleinlichem Praktizismus mit völliger theoretischer Unbekümmertheit. […]

Wenn man aus Lenins Texten diesen oder jenen Satz isoliert entnimmt, kann man vielfältige Ähnlichkeiten zwischen dem, was er schreibt, und der aktuellen Situation in Frankreich finden. Wenn man jedoch den Entwicklungsweg, den die kommunistische und Arbeiterbewegung in diesem Land durchlaufen haben, global charakterisieren will, wird man kaum ein Schema aufeinanderfolgender Etappen finden, das sich dem, welches Russland vor 1917 eigen war, annähern würde. In Frankreich sind wir derzeit eher auf einen Punkt zurückgeführt, an dem, wie Lenin es für die Zeit von 1884 bis 1894 feststellt, "die Sozialdemokratie ohne Arbeiterbewegung existierte und als politische Partei den Prozess ihrer embryonalen Entwicklung durchmachte". Dies bedeutet, dass alles, was Lenin hinsichtlich der über diese erste Periode hinausgehenden Zeit geschrieben hat, keineswegs mechanisch auf die Situation, in der sich die marxistisch-leninistischen Kommunisten hier und jetzt befinden, appliziert werden kann.

Eine ausführlich kommentierte, wenn nicht analysierte Frage ist die des spontanen Aspekts, der ‑ scheinbar oder wirklich ‑ die Mobilisierungen der “gelben Westen” bis zu einem gewissen Grad kennzeichnet. Im Rahmen der hier angeschnittenen Überlegungen geht es nicht darum, diesen Grad zu bewerten, sondern darum, sich zu vergegenwärtigen, wie diese Frage der Spontaneität Lenin beschäftigt hat. Es war während der "dritten Periode", als er den Kurs der "Ökonomisten"[[4]] bekämpfte.

Um seine Kritik zu entfalten, zitiert Lenin die folgenden Behauptungen von Vertretern des "Ökonomismus"[[5]]:

Man höre: "Der politische Kampf der Arbeiterklasse ist nur" […] "die entwickeltste, umfassendste und realste Form des ökonomischen Kampfes" […] "Jetzt stehen die Sozialdemokraten vor der Aufgabe: Wie ist dem eigentlichen ökonomischen Kampf nach Möglichkeit politischer Charakter zu verleihen?" […] "Der ökonomische Kampf ist das weitest anwendbare Mittel zur Einbeziehung der Massen in den aktiven politischen Kampf"[…].

Und er führt näher aus[[6]]:

Die "Rabotschaja Mysl"[[7]] lehnt den politischen Kampf nicht ganz ab […]. Die "Rabotschaja Mysl" ist nur der Ansicht, daß "die Politik immer gehorsam der Wirtschaft folgt" (das "Rabotscheje Delo"[[8]] aber variiert diese These, indem es in seinem Programm versichert: "In Rußland ist der ökonomische Kampf mehr als in irgendeinem anderen Lande mit dem politischen untrennbar verbunden"). Diese Behauptungen der "Rabotschaja Mysl" und des "Rabotscheje Delo" sind absolut unzutreffend, wenn man unter Politik sozialdemokratische Politik versteht. Sehr oft ist der wirtschaftliche Kampf der Arbeiter, wie wir bereits gesehen haben, mit der bürgerlichen, klerikalen usw. Politik (wenn auch nicht untrennbar) verbunden. Die Behauptungen des "Rabotscheje Delo" sind zutreffend, wenn man unter Politik trade-unionistische Politik versteht, d. h. das gemeinsame Bestreben aller Arbeiter zu erreichen, daß der Staat diese oder jene Maßnahmen ergreift, die den mit ihrer Lage verbundenen Nöten abhelfen, aber diese Lage selbst nicht beseitigen, d. h. die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital nicht aufheben.

Also: Den politischen Kampf im Wesentlichen auf den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiter konzentrieren zu wollen, läuft darauf hinaus, diesen politischen Kampf zu reduzieren auf "das gemeinsame Bestreben aller Arbeiter zu erreichen, dass der Staat diese oder jene Maßnahmen ergreift, die den mit ihrer Lage verbundenen Nöten abhelfen, aber diese Lage selbst nicht beseitigen, d. h. die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital nicht aufheben" – mit anderen Worten, zu reduzieren auf den Reformismus und, im gewerkschaftlichen Bereich, auf den "Syndikalismus der sozialen Transformation"[[9]]. Dieses "gemeinsame Bestreben", das Lenin im Sinn hat, kommt der Spontanität gleich[[10]]:

Wir sehen also, daß die "Rabotschaja Mysl" auch in bezug auf den politischen Kampf weniger eine Ablehnung dieses Kampfes zum Ausdruck bringt als vielmehr die Anbetung der Spontaneität, der Unbewußtheit dieses Kampfes. […] im Sinne der Anbetung der Spontaneität dieser Bewegung [der Massenbewegung der Arbeiter], d. h. der Reduzierung der Rolle der Sozialdemokratie auf die einer einfachen Dienerin der Arbeiterbewegung als solcher […].

Indem Lenin dieses Konzept der Rolle der Sozialdemokratie als "einfache Dienerin" ablehnt, bekräftigt er die Notwendigkeit, "eine spezifische sozialdemokratische Politik selbständig auszuarbeiten"[[11]]:

Sie [die "Rabotschaja Mysl"] erkennt durchaus den politischen Kampf an, der aus der eigentlichen Arbeiterbewegung elementar hervorwächst (richtiger: die politischen Wünsche und Ansprüche der Arbeiter), verzichtet aber gänzlich darauf, eine spezifische sozialdemokratische Politik selbständig auszuarbeiten, die den allgemeinen Aufgaben des Sozialismus und den heutigen russischen Verhältnissen entspricht. […]

Aber das "Rabotscheje Delo" hat die Ökonomisten nicht nur "verteidigt", sondern ist auch selber ständig in ihre grundlegenden Irrtümer verfallen. Die Ursache hierfür ist in der Doppeldeutigkeit der folgenden These des Programms des "Rabotscheje Delo" zu suchen: "Die wichtigste Erscheinung des russischen Lebens, die in erster Linie bestimmend sein wird für die Aufgaben […] und den Charakter der literarischen Tätigkeit des Auslandsbundes, ist unseres Erachtens die in den letzten Jahren entstandene Massenbewegung der Arbeiter" […]. Daß die Massenbewegung eine höchst wichtige Erscheinung ist, darüber kann nicht gestritten werden. Aber die ganze Frage ist hier, wie die "Bestimmung der Aufgaben" durch diese Massenbewegung aufzufassen ist. […] Das "Rabotscheje Delo" […] etwas Bestimmtes über neue Aufgaben hat es niemals gesagt, sondern immer nur so gesprochen, als würde uns diese "Massenbewegung" der Notwendigkeit entheben, die von ihr gestellten Aufgaben klar zu erkennen und zu lösen.

Lenin hebt dagegen hervor, dass[[12]]:

die Massenbewegung uns vor neue theoretische, politische, organisatorische Aufgaben stellt, die viel komplizierter sind als diejenigen, mit denen man sich in der Periode vor der Entstehung der Massenbewegung begnügen konnte. […] Es genügt, darauf hinzuweisen, daß das "Rabotscheje Delo" es für unmöglich hielt, der Massenbewegung der Arbeiter als erste Aufgabe den Sturz der Selbstherrschaft zu stellen […].

Lenin hält den "Ökonomisten" die sozialdemokratische Auffassung entgegen, wonach es zur Aufgabe der Sozialdemokratie gehört, "das politische Bewußtsein der Arbeiter zu entwickeln", was erfordert, "die allseitige politische Entlarvung der Selbstherrschaft zu organisieren"[[13]]:

Es fragt sich nun, worin die politische Erziehung bestehen muß. Kann man sich darauf beschränken, die Idee der Feindschaft der Arbeiterklasse gegen die Selbstherrschaft zu propagieren? Natürlich nicht. Es genügt nicht, die politische Unterdrückung der Arbeiter zu erklären (wie es nicht genügte, ihnen den Gegensatz zwischen ihren Interessen und den Interessen der Unternehmer zu erklären). Es ist notwendig, jede konkrete Erscheinung dieser Unterdrückung für die Agitation auszunutzen (so wie wir die konkreten Erscheinungen der ökonomischen Unterdrückung für die Agitation ausgenutzt haben). Und da die verschiedensten Gesellschaftsklassen unter dieser Unterdrückung zu leiden haben, da sie auf den verschiedensten Lebens- und Tätigkeitsgebieten, dem beruflichen, dem allgemein-bürgerlichen, dem persönlichen, dem der Familie, dem religiösen, dem wissenschaftlichen usw. usw. in Erscheinung tritt – ist es da nicht klar, daß wir unsere Aufgabe, das politische Bewußtsein der Arbeiter zu entwickeln, nicht erfüllen werden, wenn wir es nicht übernehmen, die allseitige politische Entlarvung der Selbstherrschaft zu organisieren?

Analog können diese Überlegungen zu Recht mit der aktuellen Situation in Frankreich in Verbindung gebracht werden. Zwar handelt es sich bei dem zu bekämpfenden Regime nicht um das einer Aristokratie – die Unterdrückung, die über die verschiedensten Gesellschaftsschichten ausgeübt wird, betrifft nicht in erster Linie eine Bauernschaft, die einer feudalen Ausbeutung ausgesetzt ist. Das zu bekämpfende Regime ist das der Diktatur der Bourgeoisie, die die Stufe des imperialistischen Kapitalismus erreicht hat; unter den Klassen, die an den Mobilisierungen der “gelben Westen” beteiligt sind, befindet sich – eher als die Bauernschaft – das Kleinbürgertum. Unter den Erscheinungen der Unterdrückung, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem "wirtschaftlichen" Kampf stehen, erwähnt Lenin jedoch "die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des "gemeinen Volks" in den Städten durch die Polizei, der Kampf gegen die Hungernden […] die Zwangseintreibung der Abgaben […] das Drillen der Soldaten und die Kasernenhofmethoden bei der Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen"[[14]]. Wenn man all dies in den aktuellen Kontext übertragen, findet man die entsprechenden Erscheinungen der Unterdrückung, die die Kommunisten reichlich anprangern müssen. Daraus folgt, dass wir uns um die Gegebenheiten, die von den “gelben Westen” in den Vordergrund gebracht werden, kümmern müssen, dass wir bei unserem Handeln uns an die Arbeiter, die an diesen Mobilisierungen teilnehmen, richten müssen, und hervorheben müssen, dass das Ziel des zukünftigen Kampfes, über die Person Macrons und die Regierung hinausgehend, die bürgerliche Macht global sein muss, das kapitalistische System als solches.

Daraus folgt jedoch nicht, dass man sich voll und ganz für die “gelben Westen” hätte einsetzen müssen, sich vollständig in ihre “Bewegung” integrieren. In der Konfrontation mit den "Ökonomisten" hält Lenin ihnen aus praktischer Sicht seine Auffassung über die Aufgaben der Sozialdemokratie entgegen (wir unterstreichen)[[15]]:

Wir müssen die Aufgabe auf uns nehmen, einen solchen allseitigen politischen Kampf unter Leitung unserer Partei zu organisieren, damit alle oppositionellen Schichten diesen Kampf und diese Partei nach Maßgabe ihrer Kräfte unterstützen können und es auch wirklich tun. Wir müssen aus den Praktikern der Sozialdemokratie politische Führer heranbilden, die imstande sind, diesen allseitigen Kampf in all seinen Erscheinungsformen zu leiten, die imstande sind, im gegebenen Moment sowohl den rebellierenden Studenten und unzufriedenen Semstwoleuten[[16]] als auch den empörten Sektierern, den benachteiligten Volksschullehrern usw. usf. "ein positives Aktionsprogramm zu diktieren".

Es ist offenkundig, dass wir als marxistisch-leninistische Kommunisten diese Betrachtungsweise hinsichtlich der Lage nicht mimen können – "einen solchen allseitigen politischen Kampf unter Leitung unserer Partei zu organisieren". Wie weiter oben angedeutet, sind wir weit entfernt von den von Lenin hervorgehobenen Merkmalen betreffend die Entwicklung der revolutionären Bewegung in Russland, wonach zunächst "die Sozialdemokratie in Erscheinung tritt als gesellschaftliche Bewegung, als Aufschwung der Volksmassen, als politische Partei", und dann "die Bewegung gewaltige Fortschritte macht". "Der proletarische Kampf erfasste neue Schichten der Arbeiter und breitete sich über ganz Russland aus, während er gleichzeitig indirekt auch auf die Belebung des demokratischen Geistes in der Studentenschaft und in anderen Bevölkerungsschichten einwirkte[[17]]."

Was schließlich den interklassistischen Charakter der “gelben Westen” angeht, meinen manche, dass nicht das geringste Problem bestehe, ihn in die Aktion der Arbeiterbewegung einzubeziehen. Zur Unterstützung dieser angeblichen Gewissheit wird ein Zitat von Lenin angeführt, das angeblich jegliches Zögern abtun soll[[18]]:

Wer eine "reine" soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution. […] Die sozialistische Revolution in Europa kann nichts anderes sein als ein Ausbruch des Massenkampfes aller und jeglicher Unterdrückten und Unzufriedenen. Teile des Kleinbürgertums und der rückständigen Arbeiterwerden unweigerlich an ihr teilnehmen – ohne eine solche Teilnahme ist ein Massenkampf nicht möglich, ist überhaupt keine Revolution möglich – , und ebenso unweigerlich werden sie in die Bewegung ihre Vorurteile, ihre reaktionären Phantastereien, ihre Fehler und Schwächen hineintragen. Objektiv aber werden sie das Kapital angreifen, und die klassenbewußte Avantgarde der Revolution, das fortgeschrittene Proletariat, das diese objektive Wahrheit des mannigfaltigen, vielstimmigen, buntscheckigen und äußerlich zersplitterten Massenkampfes zum Ausdruck bringt, wird es verstehen, ihn zu vereinheitlichen und zu lenken, die Macht zu erobern, die Banken in Besitz zu nehmen, die allen (wenn auch aus verschiedenen Gründen !) so verhaßten Trusts zu expropriieren und andere diktatorische Maßnahmen durchzuführen, die in ihrer Gesamtheit den Sturz der Bourgeoisie und den Sieg des Sozialismus ergeben, einen Sieg, der sich durchaus nicht mit einem Schlag aller kleinbürgerlichen Schlacken "entledigen" wird.

In dieser Hinsicht berücksichtigt Lenin jedoch selbst eine berechtigte Infragestellung zu diesem Thema und bringt ein wesentliches Argument vor (wir unterstreichen)[[19]]:

Müssen wir es aber übernehmen, eine wirklich vom ganzen Volk ausgehende Entlarvung der Regierung zu organisieren, worin drückt sich dann der Klassencharakter unserer Bewegung aus? – wird uns der mehr eifrige als kluge Anbeter der "engen organischen Verbindung mit dem proletarischen Kampf" fragen und fragt es uns bereits. – Eben darin, daß wir, die Sozialdemokraten, diese vom ganzen Volk ausgehende Entlarvung organisieren; darin, daß alle durch die Agitation aufgerollten Fragen in streng sozialdemokratischem Geiste, ohne die geringste Nachsicht gegen beabsichtigte und unbeabsichtigte Entstellungen des Marxismus erläutert werden,- darin, daß diese allseitige politische Agitation von einer Partei geführt wird, die zu einem untrennbaren Ganzen vereinigt: sowohl den Ansturm gegen die Regierung im Namen des ganzen Volkes als auch die revolutionäre Erziehung des Proletariats bei gleichzeitiger Wahrung seiner politischen Selbständigkeit, sowohl die Leitung des ökonomischen Kampfes der Arbeiterklasse als auch die Ausnutzung jener spontanen Zusammenstöße des Proletariats mit seinen Ausbeutern, die immer neue Schichten des Proletariats aufrütteln und für uns gewinnen!

Sich glückselig der Gewissheit hingeben, dass "die sozialistische Revolution in Europa nichts anderes sein kann als ein Ausbruch des Massenkampfes aller und jeglicher Unterdrückten und Unzufriedenen" und dass die “gelben Westen” ein Vorzeichen in diesem Sinne sind, das bedeutet, jegliche Erwägung über die Notwendigkeit, die Avantgardepartei des Proletariats aufzubauen, beiseite zu schieben, es kommt darauf hinaus, den gegenwärtigen Zustand des Klassenkampfes außer Acht zu lassen, und seiner Phantasie freies Spiel zu lassen, wie der Frosch, der glaubt, er könnte so groß wie der Ochse werden.

Um gegenüber den vom Abstieg bedrohten kleinbürgerlichen Schichten korrekt zu handeln, muss man sich auf die Arbeiterbewegung stützen können. Das Organisieren der Arbeiterbewegung selbst erfordert jedoch den Aufbau einer echten Kommunistischen Partei als Avantgarde der Arbeiterklasse. Was wir in einer Mitteilung mit dem Titel "Der Arbeiterklasse wieder ihre echte kommunistische Partei geben – Die grundlegende Aufgabe des ROCML" beschrieben haben, ist im gegenwärtigen Kontext voll anwendbar[[20]]:

Die Arbeiterklasse – das heißt, die durch das Kapital ausgebeuteten Lohnarbeiter als kollektive Gesamtheit – hat derzeit nicht Bewusstsein ihres Platzes als treibende Kraft innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, fähig, sich von der Ausbeutung, der sie ausgesetzt ist, zu befreien und gleichzeitig eine historische Rolle zu erfüllen, jene, den Aufbau der sozialistischen, kommunistischen, klassenlosen Gesellschaft anzuführen. Das Niveau des Bewusstseins der Arbeiter ist gering, in Hinblick auf das Verständnis sowohl der kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Quelle von Ausbeutung und Unterdrückung, als auch der Notwendigkeit, die Macht der Bourgeoisie zu stürzen, um sich davon zu befreien. Die ideologische Verwirrung herrscht sogar unter den gewerkschaftlichen und politischen Aktivisten mit höherem Bewusstsein. Dieser Mangel an Bewusstsein bewirkt, dass die Arbeiter dem spontanen Charakter ihrer Kämpfe ausgeliefert bleiben, was sie dem Einfluss der bürgerlichen Ideologie und insbesondere des von den kleinbürgerlichen Schichten getragenen Reformismus aussetzt.

 

 



[1]. "Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung" (1902), W.I. Lenin, Werke, Band 5; Berlin, Dietz Verlag, 1955; S. 355. Hier S. 538.

Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus dieser Schrift.

[2]. Vor dem Aufkommen der marxistischen Gruppen wurde die revolutionäre Arbeit in Russland von den sogenannten Volkstümlern (Narodniki), Gegner des Marxismus, geleistet. Die russischen Volkstümler waren der Ansicht, dass die revolutionäre Hauptkraft nicht die Arbeiterklasse, sondern die Bauernschaft war. Lenin entwickelt die Kritik an den Volkstümlern 1894 in seiner Schrift "Was sind die “Volksfreunde” und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten? (Antwort auf die gegen die Marxisten gerichteten Artikel des “Russkoje Bogatstwo”)" (W.I. Lenin, Werke, Band 1; Berlin, Dietz Verlag, 1961; S. 119.

[3]. Als der Marxismus in Russland eine breite Entwicklung erreichte, begannen bürgerliche Intellektuelle sich mit marxistischem Anschein auszustaffieren. Sie ließen ihre Artikel in den legalen, von der zaristischen Regierung autorisierten Zeitschriften und Zeitungen drucken. Daher der Name "legaler" Marxisten. Sie kämpften auf ihre Weise gegen die Volkstümler und versuchten, die Arbeiterbewegung den Interessen der Bourgeoisie unterzuordnen und anzupassen.

[4]. Die Bezeichnung "Ökonomisten" bezieht sich darauf, dass die Vertreter dieser Strömung die Aufgaben der Arbeiterklasse auf den ökonomischen Kampf für Lohnerhöhung, für bessere Arbeitsbedingungen usw., beschränkten.

[5]. S. 414.

[6]. S. 398.

[7]Rabotschaja Mysl (Arbeitergedanke): Zeitung der "Ökonomisten", die von Oktober 1897 bis Dezember 1902 wechselnd in Berlin und in Petersburg erschien.

[8]Rabotscheje Delo (Arbeitersache): Von April 1899 bis Februar 1902 in Genf unregelmäßig erscheinendes Organ des "Auslandsbundes russischer Sozialdemokraten".

[9]. In Frankreich ist bei den Reformisten der Begriff von "sozialer Transformation" seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts gängig. Er wird regelmäßig sowohl im politischen als auch im gewerkschaftlichen Rahmen angewendet.

[10]. S. 399 und S. 401.

[11]. S. 399 und S. 401.

[12]. S. 402.

[13]. S. 413.

[14]. S. 415.

[15]. S. 442

[16]. Im Jahr 1860 leitete Zar Alexander II. eine Reihe von Reformen ein, zu denen auch eine 1864 durchgeführte Verwaltungsteilung gehörte: Die Provinzen sind in Regierungen unterteilt, die sich aus Distrikten zusammensetzen. Letztere sind mit leitenden Versammlungen versehen, den Zemstvos. Der Begriff Zemstvo-Leute bezieht sich auf Personen, die Zemstvos angehören oder sich mit lokalen Regierungsangelegenheiten befassen.

[17]. S. 539.

[18]. "Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung" (1916); W.I. Lenin, Werke, Band 22; Berlin, Dietz Verlag, 1955; S. 326. Hier S. 364.

[19]. S. 446.

[20]. September 2018.

http://rocml.org/redonner-a-la-classe-ouvriere-son-parti-communiste-veritable-tache-fondamentale-du-rocml/